Tanja, 40, Alleinerzieherin

Im April im ersten harten Lockdown war ja grundsätzlich alles ein bisschen anders. Nicht nur, dass kaum Menschen unterwegs waren, war es auch nur Menschen aus systemkritischen Berufen „erlaubt“, ihre Kinder in Betreuung zu schicken. Da ich weitestgehend Homeoffice machen kann, habe ich mir damals noch gedacht, ich schaffe auch Home Schooling nebenbei.

An diesem Tag hab ich so gegen halb 2 begonnen zu kochen als Alice plötzlich in der Küche steht. Während ich daneben dienstlich ein wichtiges Telefonat führe fragt sie mich, ob ich ihr die Mathematikaufgabe erklären kann. Ich koche also das Mittagessen, versuche zeitgleich dem Telefonat zu folgen und deute ihr, dass ich gerade einfach nicht kann. Sie fragt nochmal, ob ich ihr helfen kann und ich muss erneut verneinen – das alles während das Essen zu brutzeln beginnt und ich dem Telefonat kaum mehr folgen kann.

Alice beginnt zu weinen, ich spüre den Stress in mir hochkommen, bitte den Anrufer um einen Rückruf und nehme noch schnell das Essen vom Herd. Ich tröste – immer noch ziemlich gestresst – mein Kind, erkläre ihr die Aufgabe und führe mein Telefonat danach weiter. Gegessen haben wir dann um halb 3.

Warum ich sie auch jetzt nicht in die Betreuung in die Schule schicke? Weil ich es nicht so prickelnd finde, dass sie den Vormittag nur an ihrem Sitzplatz ohne Maske verbringen darf. Sobald sie aufsteht, muss sie eine Maske aufsetzen. Das klingt nicht nach Spaß, ist aber natürlich notwendig. Außerdem werden Kinder aus der ganzen Schule in Sammelgruppen mit wechselnden Pädagog*Innen betreut. Das verstehe ich natürlich, da es organisatorisch nicht anders machbar ist. Dennoch sehe ich dadurch die Sinnhaftigkeit, in der Freizeit und auch allgemein keine Kontakte zu haben, nicht mehr gegeben. Die Betreuung und das Distance Learning für Alice habe ich mittlerweile innerhalb der Familie aufgeteilt, um meinem Kind weitestgehend eine Art „Normalität“ zu bieten und auf allen Seiten den Stress rauszunehmen.

Home schooling während man home office macht ist ein bisschen wie die Quadratur des Kreises. Du findest keine wirkliche Lösung, um dieser extremen Mehrfachbelastung gerecht zu werden, denn du kannst dabei niemandem gerecht werden Weder deinem Kind, noch deiner Arbeit. Du versuchst überall gleichzeitig zu sein und so den Alltag zu bewältigen. Das Schlimmste ist aber das schlechte Gewissen, das du dabei hast.

Ein Kind versteht oft nicht, warum du eigentlich zu Hause und da bist, aber jetzt nicht ad hoc spielen kannst oder dir Zeit nimmst, für die kleinen und großen Begehren. Genauso ist es umgekehrt. Dienstlich bist du zwar nicht physisch sichtbar, aber dennoch musst du Mails verfassen und beantworten, Telefonate führen und an Videokonferenzen teilnehmen und auch noch konzentriert sein.